"Festrede von Lew Kopelew "


Liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr geehrte Damen und Herren,

die Verleihung des Gustav-Heinemann-Friedenspreises an die Autoren eines Kinder- und eines Sachbuches ist ein schönes und bedeutsames Ereignis, bedeutsamer sogar als die Preisträ­ger und die Preisverleiher es sich in diesem Augenblick vor­stellen.

Bei allen Völkern gab es seit uralten Zeiten schöne Sagen vom goldenen Zeitalter, das einst war und vielleicht wieder eintreten sollte, von paradiesischen Auen, wo Lamm und Löwe friedlich nebeneinanderlagen. Die Friedensgöttin der alten Griechen Eirene war besonders geliebt in den unruhigen Zeiten der Fehden und Kriege, die mächtigen streitlustgen Götter wurden geachtet, gefürchtet, mit üppigen Opfern bedacht; göt­tergleiche, kraftstrotzende verwegene Helden wurden gepriesen und besungen, doch die sanfte, menschenfreundliche Eirene wurde geliebt, ihr galten die schönsten Hoffnungen und Träu­me.

In allen Zeitaltern, in allen Ländern mußten Menschen immer wieder grausam kämpfen mit Keilen und Spießen, mit Schwertern und mit Pfeil und Bogen. Man verteidigte sein Hab und Gut und eroberte fremdes, man beschützte seine Angehörigen, seine Sippe, seinen eigenen Lebensraum und zerstörte fremde Heime aus Rache, aus Habgier, aus blindwütigem Haß; andere Menschen wurden geplündert, zu Sklaven gemacht, ermordet.

Doch zugleich träumten in allen Zeitaltern die Menschen von einem friedlichen Leben, von gewaltlosen freundschaftlichen Verbindungen mit Anderen, Andersstämmigen, Anderssprachigen, Andersgläubigen.

Vor zweieinhalb Jahrtausenden lehrte in China der große Weise Lao-tse, daß alle Kriege, jegliche Gewalt sinnlos und ver­derblich sind, auch für die Sieger und die Machthaber.

Jesus Christus verkündete in seiner Bergpredigt die unver­gänglichen Gebote der Nächstenliebe, er segnete die Friedens­stifter.

Auch in der näheren und jüngsten Vergangenheit traten weise Menschen auf, bewiesen, wie lebensnotwendig für alle Men­schen ausnahmslos der Verzicht auf Gewalt, auf kriegerische Auseinandersetzungen ist.

Im Zeitalter der Aufklärung beschworen Dichter und Denker, wie z.B. der französische Philosoph Denis Diderot und der deutsche Immanuel Kant den Weltfrieden.

"Seid umschlungen Millionen! Diesen Kuß der ganzen Welt!", rief Schiller in seiner Ode "An die Freude", das zur Krönung der Neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven wurde. Der Russe Lew Tolstoj, der Inder Mahatma Gandhi, der Deutsche Al­bert Schweitzer, der Amerikaner Martin Luther King, Heinrich Böll und Andrej Sacharow brachten die Friedensträume unserer Zeitgenossen immer wieder überzeugend zum Ausdruck.

In allen vergangenen Zeitaltern blieben es Träume, von vielen begeistert aufgenommen, bewundert, gelobt, - doch eben nur geträumt. Sie vermochten nicht die Kriege in Vietnam, Koreas und Afghanistan aufzuhalten.

Und heute bricht immer wieder durch, herrscht uneingeschränkt brutale, mörderische Gewalt in Bosnien, im Kaukasus, in Mit­telasien, immer noch in Afghanistan, in Ruanda, Angola, Al­gerien, in Nordirland und an vielen anderen Brennpunkten in Asien, Europa und Amerika.

Doch zugleich erkennen immer mehr Menschen, daß man die alten und die neuen Friedenslehren und Friedensprogramme nicht mehr als schöne Wunschträume abtun oder überhören darf.

Heute, am Vorabend eines neuen Jahrhunderts, eines neuen Jahrtausends erhalten die Friedensträume eine grundsätzlich neue, entscheidende Bedeutung: heute leben wir im Zeitalter von Hiroshima und Tschernobyl, in einer Welt, wo an vielen Stellen einsatzbereite ABC-Waffen lauern. Heute drohen uns globale Gefahren: Naturzerstörung, Ozonloch, die zahllosen verderblichen Folgen unserer industriellen Zivilisation, Überbevölkerung, unaufhaltsames selbstzerstörerisches Wach­stum der Großstädte mit ihrem hektischen Alltag, ihrer ver­gifteten, erstickenden und entnervenden Wirklichkeit, das Wu­chern internationaler organisierter Kriminalität. Angesichts dieser Gefahren hat die Menschheit heute nur eine einizge Wahl: entweder erreichen wir einen wirklichen internationalen Frieden zwischen Staaten und Völkern und einen sozialen Frie­den zwischen Ständen, Klassen und Parteien, oder es wird al­les Leben auf Erden vernichtet.

Deswegen ist heute der Frieden nicht bloß ein Wunschtraum, sondern eine Lebensnotwendigkeit.

Deswegen sind heutzutage besonders lobenswert alle diejenigen wie Lene und Pierre Bourgeat, wie Ralf-Erik Posselt und Klaus Schumacher, die Kinder und Jugendliche zur bewußten Friedens­stiftung erziehen.

Weitere Informationen zu diesem Artikel:

Lew Kopelew wurde 1912 geboren und starb 1997. Seine Arbeit wird fortgesetzt vom Lew Kopelew Forum.

http://www.kopelew-forum.de

LEW KOPELEW FORUM e.V.

"Toleranz, Moral, Menschlichkeit - die Ideale und Träume der deutschen und russischen Aufklärer sind keine wirklichkeits- fremden Utopien. Sie sind Wegweiser für unsere Gegenwart und Zukunft."

Letzte Änderung: 25 Aug 2011